Besondere Kulturen

Gelbe Blume
Wer dem Trend der letzten Jahre, alte Tomatensorten zu kultivieren, gefolgt ist, weiß um die Vielfalt an Früchten und um die komplexen Aromen, die Tomatenpflanzen hervorbringen können. Zudem sind sie genetisch deutlich stabiler als die kommerziellen Hybridzüchtungen, was auch mit einer höheren Resistenz gegenüber Schädlingen, Krankheiten und extremen Umweltbedingungen wie Trockenstress, verbunden ist. Das Saatgut dieser Pflanzen lässt sich außerdem problemlos weitervermehren – mit etwas Expertise können auch eigene Sorten gezüchtet werden. Das ist bei Hybridsorten nicht möglich.Jedenfalls bezieht sich dieses Phänomen nicht nur auf Tomaten, sondern auf alle Obst- und Gemüsearten, die der landwirtschaftlichen Industrialisierung und der gärtnerischen Kommerzialisierung zum Opfer gefallen sind. So haben Untersuchungen an Äpfeln gezeigt, dass alte Sorten üblicherweise deutlich mehr entzündungshemmende, immunstärkende und antioxidative Stoffe enthalten, sowie intensivere Aromen bilden als die wenigen, heute im Supermarkt erhältlichen Sorten. Doch gibt es nicht nur viel mehr Sorten unter den modernen Gemüsekulturen, Küchenkräutern, Blumen, Obst-, Nuss- und Zierbäumen, die heute in den meisten Gärten zu finden sind, sondern auch unzählige weitere Arten von Nutz- und Zierpflanzen, die in Vergessenheit geraten sind oder darauf warten neu entdeckt zu werden. So ist unter den Physalis-Sorten – die im letzten Jahrzehnt in unserem Breitengrad zunehmend populär geworden sind, da sie sich hier gut anbauen lassen und ein sehr ansprechendes süßes Aroma bieten – auch die so genannte Tomatillo (Physalis philadelphica). Wer hätte gedacht, dass sie es eigentlich war, die den mittelamerikanischen Indigenen als Grundlage zur heute weltweit beliebten mexikanischen Salsa diente? Ebenfalls steigende Popularität wird auch dem so genannten indischen Spinat oder Malabarspinat (Basella alba) zu Teil. Es besteht keine direkte Verwandtschaft zu dem üblichen Spinat oder Mangold, er hat jedoch ein ähnliches, etwas säuerlicheres Aroma und kann ebenso verwendet werden. Wird er an einem geschützten Ort kultiviert, kann er mehrere Meter hochranken und frostgeschützt im nächsten Jahr einfach neu austreiben. Ebenso genial wie unbekannt ist Brahmi (Bacopa monnieri). Ein bodendeckendes Kraut, das unter geschützten Bedingungen oder als Zimmerpflanze ebenfalls mehrjährig ist. In Indien wird es auch Kindern morgens vor der Schule gegeben, damit sie sich besser auf den Unterricht konzentrieren. Mittlerweile wurden seine demenzvorbeugenden und gedächtnisfördernden Eigenschaften wissenschaftlich bestätigt. Auch unter den Bäumen gibt es viel mehr spannende Arten, mit ebenfalls köstlichen Früchten, als die allseits verbreiteten Äpfel, Birnen, Kirschen oder Feigen. Da ist etwa die heimische Mispel (Mespilus germanica). Im Mittelalter war sie sehr beliebt, ist heute jedoch fast in Vergessenheit geraten. Dieser kleinwüchsige Baum ist nicht nur sehr ansehnlich, er ist auch leicht zu pflegen und verhältnismäßig trockenresistent. Das Aroma der geschmacksintensiven Früchte soll an Feigen und Trauben erinnern. Nach dem ersten Frost oder einem Tag in der Gefriertruhe können die Früchte roh gegessen oder zum Beispiel in Marmeladen oder Gebäck verarbeitet werden. Die ebenfalls fruchtige Maulbeere (Morus nigra/rubra/alba) ist etwas anspruchsvoller. Sie benötigt einen lockeren, kalkreichen Boden mit guter Nährstoffversorgung. Ihre köstlichen, mild-süßen Früchte sehen ähnlich aus wie Brombeeren. Je nach Sorte sind sie schwarz, rot oder weiß und mehr oder weniger länglich. Wobei die weiße Maulbeere einen eher strauchigen Wuchs aufweist. Die unregelmäßig abreifenden Früchte eignen besonders zur Herstellung von Trockenfrüchten oder einfach frisch von der Hand in den Mund.

„Gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen.“ Das stellte Hildegard von Bingen im 11. Jahrhundert fest. Heute steht fest, dass mit einer pflanzlichen Therapie von Krankheiten viele Symptome gelindert, der Einsatz von synthetischen Medikamenten reduziert und die Immunabwehr gezielt gestärkt werden kann. Im Hinblick auf Abhängigkeiten von Pharmaindustrie und globalen Handelsstrukturen, einem überlasteten Gesundheitssystem sowie teils nicht verhältnismäßigen Nebenwirkungen, erlebt der traditionelle Heilpflanzengarten heute ein Revival.

Unter Berücksichtigung der Umweltbedingungen, der Lebenssituation und möglicherweise vorliegendem Krankheitsbild, können aus einem extrem großen Spektrum von Heilpflanzen die Passenden für den heimischen Garten ausgewählt und mit etwas Knowhow zu Tees, Tinkturen oder Salben weiterverarbeitet werden.

Auch das Züchten von eigenen Speisepilzen erfreut sich unter ökologischen GärtnerInnen und SelbstversorgerInnen zunehmender Beliebtheit. Dass die Produktion eigener Pilze wie Austernseitligen und Shiitake in Hausgarten oder im geschützten Innenraum einfach so möglich ist, ist noch nicht sehr lange bekannt. Heute können einfache Pilzzuchtsets für Innenräume relativ preiswert im Internet bestellt werden.

Dennoch braucht es hier etwas Geschick und vielleicht auch eine Prise Glück, sodass ein bis dreimal in Folge geerntet werden kann. Wer jedoch längerfristig und auf Dauer deutlich günstiger eigene Pilze im Garten kultivieren möchte, sollte dort für ein passendes Habitat sorgen und mit Holzstämmen arbeiten. Mit grundlegendem Fachwissen, etwas Erfahrung und etwas Geduld können so auch größere Mengen wertvoller Speisepilze produziert werden.